{"id":830,"date":"2003-05-09T15:16:02","date_gmt":"2003-05-09T13:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/?p=830"},"modified":"2003-05-09T15:16:02","modified_gmt":"2003-05-09T13:16:02","slug":"das_nullmedium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/2003\/05\/09\/das_nullmedium\/","title":{"rendered":"Das Nullmedium"},"content":{"rendered":"<p>Sah vorhin den 20. Spiegel des Jahres 1988 herumliegen. Ezensbergers wunderbares Essay \u00fcber das Nullmedium. Ich hoffe, die Auslassungen enstellen ihn nicht. Und: Verge\u00dft den Baukasten!<br \/>\nbq. Fernsehen verbl\u00f6det: Auf diese schlichte These laufen so gut wie alle landl\u00e4ufigen Medientheorien hinaus, gleichg\u00fcltig, wie fein gesponnen oder grob gewirkt sie daherkommen. Der Befund wird in der Regel mit einem gramvollen Unterton vorgetragen. Vier haupts\u00e4chliche Varianten lassen sich unterscheiden.<br \/>\nbq. Die Manipulationsthese zielt auf die ideologische Dimension, die den Medien zugeschrieben wird. Sie sieht in ihnen vor allem Instrumente politischer Herrschaft und ist von ehrw\u00fcrdigem Alter. Urspr\u00fcnglich tief in den Traditionen der Linken verwurzelt, aber bei Bedarf auch von der Rechten genie\u00dferisch adoptiert, hat sie es ganz auf die Inhalte abgesehen, die vermeintlich das Programm der gro\u00dfen Medien bestimmen.<br \/>\nbq. Ihrer Kritik liegen Vorstellungen von Propaganda und Agitation zugrunde, .wie sie aus fr\u00fcheren Zeiten \u00fcberliefert sind. Das Medium wird als ein indifferentes Gef\u00e4\u00df verstanden, das \u00fcber ein passiv gedachtes Publikum Meinungen ausgie\u00dft. Je nach dem Standpunkt des Kritikers gelten diese Meinungen als falsch; sie m\u00fcssen mich einem derartigen Wirkungsmodell notwendig falsches Bewusstsein erzeugen. Verfeinerte Methoden der Ideologiekritik erweitern diesen &#8222;Verblendungszusammenhang&#8220;, indem sie den Gegner mit immer subtileren und heimt\u00fcckischeren Absichten ausstatten. An die Stelle der direkten Agitation tritt dann die schwer durchschaubare Verf\u00fchrung; der ahnungslose Konsument wird von den Drahtziehern \u00fcberredet, ohne dass er w\u00fcsste, wie ihm geschieht.<br \/>\nbq. Die Nachahmungsthese argumentiert dagegen moralisch. In ihren Augen bringt der Medienkonsum vor allem sittliche Gefahren mit sich. Wer sich ihm aussetzt, wird an Libertinage Verantwortungslosigkeit, Verbrechen und Gewalt gew\u00f6hnt. Die subjektiven Folgen sind abgestumpfte, verh\u00e4rtete und verstockte Individuen, die objektiven der Verlust sozialer Tugenden und der allgemeine Sittenverfall.<br \/>\nbq. [\u2026]<br \/>\nbq. Neueren Datums ist die Simulationsthese, die von einem erkenntnis-theoretischen Verdacht beseelt ist. Sie ist auch insofern moderner, als sie auf die technische Entfaltung der Medien eingeht, also auch die Existenz des Fernsehens ernst nimmt, was man von ihren Vorg\u00e4ngern nicht behaupten kann. Ihr zufolge wird der Zuschauer durch das Medium au\u00dferstande gesetzt, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden. Die erste Realit\u00e4t werde also durch eine zweite, phantomhafte unkenntlich gemacht oder ersetzt.<br \/>\nEine weitergehende Version der These, die gelegentlich sogar affirmativ auftritt, kehrt dieses Verh\u00e4ltnis um und behauptet, die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Simulation sei unter den gegebenen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen sinnlos geworden.<br \/>\nbq. Alle bisherigen konvergieren in der vierten, der Verbl\u00f6dungsthese, die sich zu einer anthropologischen Aussage verdichtet. Die Medien greifen, wenn man ihr folgt, nicht nur das Kritik- und Unterscheidungsverm\u00f6gen, nicht nur die moralische und politische Substanz ihrer Nutzer an, sondern auch ihr Wahrnehmungsverm\u00f6gen, ja, ihre psychische Identit\u00e4t. Sie produzieren somit, wenn man sie gew\u00e4hren l\u00e4\u00dft, einen Neuen Menschen, den man sich, je nach Belieben, als Zombie oder Mutanten vorstellen kann.<br \/>\nbq. Alle diese Theorien sind schwach auf der Brust. Beweise halten ihre Urheber f\u00fcr entbehrlich. Selbst das Minimalkriterium der Plausibilit\u00e4t macht ihnen keinerlei Kopfzerbrechen. So ist es, um .nur ein Beispiel zu nennen, bisher niemandem gelungen, uns au\u00dferhalb der psychiatrischen Klinik auch nur einen &#8222;Fernsehteilnehmer&#8220; vorzuf\u00fchren, der au\u00dferstande w\u00e4re, zwischen einem Ehekrach in der laufenden Serie und an seinem Fr\u00fchst\u00fcckstisch zu unterscheiden. Die Verfechter der Simulationsthese scheint das nicht zu st\u00f6ren.<br \/>\nbq. Die Industrie teilt weder dieses leidenschaftliche Verlang noch jene d\u00fcrren Theorien. Ihre \u00dcberlegungen sind von asketischer N\u00fcchternheit. Sie kreisen einerseits um Frequenz_ Kan\u00e4le, Normen, Kabel, Keulen, Parabolantennen; andererseits um Investitionen, Beteiligungen, Verteilungsschl\u00fcssel Kosten, Quoten, Werbeaufkommen. Aus dieser Perspektive erscheint als das eigentlich Neue an den Neuen Medien Tatsache, dass keiner ihrer Veranstalter jemals auch nur einen Gedanken an irgendwelche Inhalte verschwendet hat.<br \/>\nJeder wirtschaftliche, technische, rechtliche und administrative Aspekt ihres Vorgehens wird eingehend analysiert und erbittert umk\u00e4mpft. Nur ein Faktor spielt im Sinnen und Trachten der Industrie keine Rolle: das Programm. Zur Debatte steht, wer zahlt und wer kassiert, wann, wo, wie, von wem aber nie und nimmer, was gesendet wird. Eine solche Haltung w\u00e4re bei keinem fr\u00fcheren Medium denkbar gewesen.<br \/>\nbq. Sie k\u00f6nnte sonderbar, ja verwegen scheinen. Es werden Milliarden aufgewendet, um Satelliten in den Weltraum zu schie\u00dfen und ganz Mitteleuropa mit einem Kabelnetz zu durchziehen; eine beispiellose Aufr\u00fcstung von &#8222;Kommunikationsmitteln&#8220; findet statt, ohne dass irgend jemand die Frage aufwarf was da eigentlich mitgeteilt werden soll.<br \/>\nDie L\u00f6sung dieses R\u00e4tsels liegt jedoch auf der Hand. Die Industrie n\u00e4mlich wei\u00df sich mit der entscheidenden gesellschaftlichen Figur in ihrem Spiel einverstanden: mit der des &#8222;Fernsehteilnehmers&#8220;. Dieser, keineswegs willenlos, steuere energisch einen Zustand an, den man als Programmlosigkeit_ bezeichnen kann. Um diesem Ziel n\u00e4herzukommen, benut er virtuos alle verf\u00fcgbaren Kn\u00f6pfe seiner Fernbedienung.<br \/>\nGegen diese innige Allianz von Kunden und Lieferanten i kein Kraut gewachsen. Die verbitterte Minderheit der Kritik_ tut sich schwer, ein so massives Einverst\u00e4ndnis zu erkl\u00e4re!<br \/>\nbq. Auch der Begriff des Programms orientiert sich an der Schrift. Das Wort<br \/>\nbezeichnet ja laut Meyers Lexikon urspr\u00fcnglich nichts anderes als das Vorgeschriebene oder vorher Geschriebene; &#8222;eigentlich \u00f6ffentliche schriftliche Bekanntmachung, \u00f6ffentlicher Anschlag, jetzt (1985) besonders eine Ank\u00fcndigungs- oder Einladungsschrift, die von Universit\u00e4ten und anderen h\u00f6heren Bildungsanstalten erlassen wird. Im \u00f6ffentlichen Leben spricht man vom Programm einer Partei, einer Zeitung, einer zu bestimmten Zwecken gegr\u00fcndeten Gesellschaft, auch einer Regierung, wenn in mehr oder weniger bindender Gestalt die Grunds\u00e4tze des beabsichtigten Handeins im voraus verk\u00fcndet werden&#8220;.<br \/>\nbq. Was dagegen die f\u00fchrenden Fernsehveranstalter im Voraus verk\u00fcnden, liest sich so: &#8222;Budenzauber. Mini-ZiB. Ei elei, Kuck elei. Du schon wieder (8.). Wenn abends die Heide tr\u00e4umt. Almerisch g&#8217;sunga und g&#8217;schpuit Weltcup-Super G der Herren. Helmi. X-Large. Die Goldene Eins. Betthupferl. Bis die Falle zuschnappt. Einfach tierisch. Wetten, da\u00df &#8230;? Es lebe die Liebe. Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Just another pretty face. Tintifax und Max. Ich will, dass du mich liebst. Also \u00e4\u00e4\u00e4hrhrlich. Hulk (31.) Musi mit Metty. Heute mit uns. Hart wie Diamant. Am, dam, des. Barapapa: Texas Jack (12.). Schau hin und gewinn. Superflip. Sie er es. Liebe international. Hart aber herzlich. 1 _2-x. Wer bietet mehr?&#8220;<br \/>\nbq. [\u2026]<br \/>\nbq. Den entscheidenden Fortschritt jedoch erst die elektronischen Medien gebracht. Es hat sich n\u00e4mlich herausgestellt, dass dem Versuch, ein gedrucktes Nullmedium zu schaffen, un\u00fcbewindliche Hindernisse im Wege stehen die Schrift von jeder Bedeutung befreit will, muss zu extremen L\u00f6sungen greifen. Die heroischen Vorschl\u00e4ge der Avantgarde (Dada, Lettrismus, visuelle Poesie) haben bei der Industrie kein Geh\u00f6r gefunden. Das liegt vermutlich daran, dass die Idee der Null-Lekt\u00fcre selbst widerspr\u00fcchlich ist. Der Leser, jeder Leser hat n\u00e4mlich den fatalen Hang, Zusammenh\u00e4nge herzustellen und noch in der tr\u00fcbsten Buchstabensuppe nach so etwas wie einem Sinn herumzustochern.<br \/>\nEinem j\u00fcngeren Medium wie dem Radio durfte man sich schon weniger, und das hei\u00dft in diesem Zusammenhang mehr, versprechen. Die Emanzipation von der Schrift er\u00f6ffnet zumindest neue Perspektiven. In der Praxis zeigte sich allerdings, dass im Rundfunk ziemlich viel vorgelesen wurde. Doch auch dort, wo die freie Rede sich Bahn brach, in Ansprache und Diskussionen, ja sogar im schieren Gequassel, stiften die W\u00f6rter immer wieder so etwas wie Bedeutung.<br \/>\nbq. [\u2026]<br \/>\nbq. In der Nullstellung liegt also nicht die Schw\u00e4che. Sondern die St\u00e4rke des Fernsehens. Sie macht seinen Gebrauchswert aus. Man schaltet das Ger\u00e4t ein, um abzuschalten. (Aus diesem Grund ist \u00fcbrigens das, was Politiker f\u00fcr Politik halten, absolut fernsehtauglich. W\u00e4hrend der bedauernswerte Minister sich einbildet, die Ansichten und Handlungen des Zuschauers zu beeinflussen, befriedigt die seimige Leere seiner \u00c4u\u00dferungen nur das Bed\u00fcrfnis des Publikums, von Bedeutungen verschont zu bleiben.)<br \/>\nbq. Dagegen ereignet sich so etwas wie eine Bildst\u00f6rung, sobald im Sendefluss ein Inhalt auftaucht, eine echte Nachricht oder gar ein Argument, das an die Au\u00dfenwelt erinnert. Man stutzt, reibt sich die Augen, ist verstimmt und greift zur Fernbedienung. Diese \u00e4u\u00dferst zielbewusste Nutzung verdient endlich ernst genommen zu werden. Das Fernsehen wird prim\u00e4r als eine wohldefinierte Methode zur genu\u00dfreichen Gehirnw\u00e4sche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.<br \/>\nbq. [\u2026]<br \/>\nbq. Wem diese Argumentation ex negativo zu d\u00fcster ist, dem kann geholfen werden. Er braucht seinen Blick nur von den unangenehmen Tatsachen fort in h\u00f6here Sph\u00e4ren zu richten und die derzeit wieder einmal so beliebten \u00e4ltesten Weisheitslehren der Menschheit zu Rate ziehen. Wenn n\u00e4mlich unsere Konzentration ihr Maximum erreicht &#8211; das geht aus jedem esoterischen Taschenbuch einwandfrei hervor -, ist sie von Geistesabwesenheit nicht mehr zu unterscheiden, und umgekehrt: die extreme Zerstreuung schl\u00e4gt in hypnotische Versenkung um.<br \/>\nbq. Insofern kommt der Wattebausch vor den Augen der Transzendentalen Meditation recht nahe. So lie\u00dfe sich auch die quasi-religi\u00f6se Verehrung, die das Nullmedium genie\u00dft, zwanglos erkl\u00e4ren: Es stellt die technische Ann\u00e4herung an das Nirwana dar. Der Fernseher ist die buddhistische Maschine.<br \/>\nZugegeben: Es handelt sich hier um ein utopisches Projekt, das, wie alle Utopien, kaum ohne einen Erdenrest zu verwirklichen ist. Was dem S\u00e4ugling verg\u00f6nnt ist, der Zustand v\u00f6lliger Selbstvergessenheit, das wird der Erwachsene nur schwer erreichen. Er hat es verlernt, seinen Wahrnehmungsapparat zu besch\u00e4ftigen, ohne das, was er sieht, zu interpretieren. Ob er will oder nicht, er neigt dazu, auch dort so etwas wie Sinn herzustellen, wo gar keiner zu finden ist. Diese unwillk\u00fcrliche Fokussierung wirkt sich beim Gebrauch des Nullmediums immer wieder st\u00f6rend aus. Ich kann im Zweifelsfall stets behaupten, ich sei schlie\u00dflich kein Zombie und es gebe dort, wo ich hinblicke, doch immerhin etwas zu sehen, dieses oder jenes Bestimmte, so etwas wie den glimmenden Rest eines Inhalts. Deshalb ist es unvermeidlich, dass auch der ge\u00fcbte Fernseher hin und wieder einer solchen Mystifikation erliegt.<br \/>\nbq. Der Idealfall ist also unerreichbar. Man kann sich der vollkommenen Leere, wie dem absoluten Nullpunkt, nur asymptotisch n\u00e4hern. Diese Schwierigkeit ist jedem Mystiker vertraut: Die Meditation f\u00fchrt nicht ins Nirwana, die Versenkung gelingt allenfalls punktuell, aber nicht endg\u00fcltig, der kleine, Tod ist nicht der gro\u00dfe. Immer moduliert ein minimales Signal, das Rauschen der Realit\u00e4t, die &#8222;Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit&#8220; (Kasimir Malewitsch).<br \/>\nDennoch &#8211; die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sind und bleiben denkw\u00fcrdig, auch wenn der Bildschirm sein gro\u00dfes Vorbild nie einholen wird, jenes Schwarze Quadrat aus dem Jahre 1915, das, strenggenommen, alle Sendungen des Nullmediums \u00fcberfl\u00fcssig macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sah vorhin den 20. Spiegel des Jahres 1988 herumliegen. Ezensbergers wunderbares Essay \u00fcber das Nullmedium. Ich hoffe, die Auslassungen enstellen ihn nicht. Und: Verge\u00dft den Baukasten! bq. Fernsehen verbl\u00f6det: Auf diese schlichte These laufen so gut wie alle landl\u00e4ufigen Medientheorien hinaus, gleichg\u00fcltig, wie fein gesponnen oder grob gewirkt sie daherkommen. 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