{"id":739,"date":"2002-12-13T12:37:22","date_gmt":"2002-12-13T10:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/?p=739"},"modified":"2002-12-13T12:37:22","modified_gmt":"2002-12-13T10:37:22","slug":"und_dann_ist_im","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/2002\/12\/13\/und_dann_ist_im\/","title":{"rendered":"&#8222;Und dann ist immer Dia-Abend&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Medienkonvergenz ist mein pers\u00f6nliches Reizwort. Wird es doch vorwiegend in medien\u00f6konomischen Lehrb\u00fcchern und im Kontext von Strategien der gro\u00dfen Medienmultis verwendet. Medienkonvergenz beschreibt, wie Inhalte und Strukturen jeweils zuvor existierender Einzelmedien in einem spezifisch neuen Medium fusionieren und den gro\u00dfen der Branche zun\u00e4chst einmal nicht weniger als h\u00f6here Profite versprechen. Als die dot.com Blase immer weiter aufgepustet wurde, fungierte der Begriff der Medienkonvergenz als Sesam-\u00f6ffne-dich f\u00fcr die Panzerschr\u00e4nke der Finanzierer. Zumindest im Bereich der digitalen online Medien wurde jedoch nicht Mehr konvergiert, als die altbekannten Inhalte Bild, Wort und Ton. Nicht gerade die Wiedererfindung des Rades.<\/p>\n<p>\nHanno Rauterberg schreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeit eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2002\/51\/Zeitverlust\">gro\u00dfartige Kritik der Medienkonvergenz<\/a>. \u201eHow are you?\u201d fragt Vodafone, dessen einstige feindlich \u00dcbernahme von Mannesmann D2 das ganze Land in eine kurze und schmerzhafte Emp\u00f6rung versetzte. Mit massiven Werbetats wetzte Chris Gent (?) diese tiefschneidende Scharte aus der deutschen Empfindsamkeit heraus. Vor einiger Zeit setzte Vodafone einen neuen Kropf auf die K\u00f6rper. Das Kameratelefon, das nun (wieder mal) Bild und Wort miteinander konvergieren l\u00e4sst. Und das Gesp\u00fcr f\u00fcr die Gegenwart verlieren l\u00e4sst, so Rauterberg in den einleitenden Worten.<\/p>\n<p>Ich las den Text mehrmals. Und halte ihn f\u00fcr einen medienkritischen Aufsatz (um nicht das gro\u00dfe Wort \u201eEssay\u201c zu benutzen), der bemerkenswert auf die gegenw\u00e4rtigen medienkritischen Diskurse als auch die gro\u00dfen medientheoretischen Texte der Moderne und Postmoderne verweist. Wobei ich mir die Frage stellte, ob solch einen Text dann ebenso Teil des Kanons ist. Oder ob er in 50 oder 100 Jahren als eben solch ein kanonischer Text gelesen wird. <\/p>\n<p>Wo ist also der Bezug zu den klassischen medienkritischen Essays? Wir haben es hier nicht mit einem neuen Medium zu tun. Darauf wird man noch lange warten m\u00fcssen. Jedoch ist solch ein fotografisches Mobiltelefon symptomatisch f\u00fcr die Fr\u00fchzeit (?) digitaler Medien. Im Gegensatz zu den klassischen Texten, die zu Beginn der gro\u00dfen Epochen des Rundfunks und des Fernsehens oder des Kinos um die Jahrhundertwende geschrieben wurden, haben wir es nicht mehr mit einem neuen Einzelmedium zu tun, das, um es mit Brecht auszudr\u00fccken, \u201eauf eine vollkommen unvorbereitete Gesellschaft trifft\u201c, sondern mit eben einem Produkt der eingangs beschriebenen Konvergenzstrategien.<\/p>\n<p>Am Ende war das Wort und das Bild. So impliziert Rauterberg seinem Text das Paradigma vom \u201eEnde der Geschichte\u201c. <Ul>\u201cWeil uns das Gesp\u00fcr f\u00fcr Gegenwart entgleitet, f\u00fcr das, was im Hier und Jetzt liegt und wahrgenommen werden k\u00f6nnte, suchen wir Zuflucht im Dort und Damals, im Vorzeigbaren, zum Foto geronnen. F\u00fcr einen Moment stellen wir die rasende Gegenwart still \u2013 wir halten etwas im Bilde fest, um uns selbst festzuhalten.\u201c<\/ul>\n<p> Rauterberg erw\u00e4hnt die Sixtinische Kapelle, die Akropolis, die gro\u00dfen und w\u00fcrdigen Familienfeste, bei denen es \u201eaus allen Ecken blitzt\u201c, das Auge, nicht mehr als Bildj\u00e4ger vor der Linse, sondern st\u00e4ndig vor dem LCD-Bildschirm, der unsere Wahrnehmung strukturiert und der Hochzeitgesellschaft vorf\u00fchrt, was vor Beginn des feierlichen Essens Gegenwart war und im Moment des Aufnehmens schon zur Vergangenheit geronnen ist. Das Dr\u00fccken des Ausl\u00f6sers bedeutet noch lange nicht die Fixierung des Dokumentierten. Das digitale Reproduzieren scheint mehr ein Gleiten mit der Kamera zu sein. Die Endfassung des Erfassten erfolgt am Computer. Der Bildausschnitt wird dort erst fixiert, \u201edas Grass wird gr\u00fcner, der Himmel wird blauer\u201c<\/p>\n<p>Das Hochzeitsfest im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Damit verweist Rauterberg auf Walter Benjamins <a href=\"http:\/\/www.groscurth.com\/text\/kunstwerk.htm\">gro\u00dfen Text<\/a>, der zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre den Verlust des Auratischen im medial reproduzierten Kunstwerk zugunsten einer zu schaffenden \u00c4sthetik des Films beschrieb. Heute haben wir den Salat, will meinen den Verlust einer potentiell auratischen Gegenwart.<\/p>\n<ul>&#8222;K\u00f6nnte es Sch\u00f6neres geben f\u00fcr einen, der s\u00fcchtig ist nach R\u00fcckkopplung (dem Kontakt zu den ebenfalls mobilen Mitmenschen)? Der keinem Ort verhaftet ist und daher die N\u00e4he in der Ferne sucht?\u201c (&#8230;) \u201eParadoxerweise wird dies Bed\u00fcrfnis nach Anbindung gerade von der digitalen Fototechnik verst\u00e4rkt, sie zertr\u00fcmmert unser Gef\u00fchl f\u00fcr die Jetztzeit noch weiter.\u201c<\/ul>\n<p>Rauterberg`s Referenzen auf den benjaminischen Kunstwerkaufsatz ordnen den Zeit-Artikel schon in eines der bestimmenden medientheoretischen Paradigmen ein. Der Verlust alles Auratischen, der in der technischen Reproduktion verhaftet ist heute so aktuell, wie zu Lebzeiten Benjamins. Prinzipiell hat sich nicht Vieles ver\u00e4ndert. Nach wie vor begegnen wir Ph\u00e4nomenen, denen Originalit\u00e4t und Echtheit anhaften. Seien es Kunstwerke oder die zitierte Hochzeit. Es kommen jedoch strukturell andere Aspekte der M\u00f6glichkeit der Reproduktion hinzu. Es geht scheinbar nicht mehr allein um das technische Reproduzieren schlechthin, sondern um die Qualit\u00e4t und die \u201eUbiquit\u00e4t\u201c der Reproduktion. Allgegenw\u00e4rtig ist sie. Strukturiert die Wahrnehmung der Welt und ver\u00e4ndert diese nicht nur durch die blo\u00dfe Reproduktion, sondern die dokumentierte Wirklichkeit an sich. Der Computer retuschiert und kaschiert, was nicht reproduziert werden soll. So ist jedes Bild eine F\u00e4lschung und hat keinen Anspruch mehr, die dokumentierte Gegenwart wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medienkonvergenz ist mein pers\u00f6nliches Reizwort. Wird es doch vorwiegend in medien\u00f6konomischen Lehrb\u00fcchern und im Kontext von Strategien der gro\u00dfen Medienmultis verwendet. Medienkonvergenz beschreibt, wie Inhalte und Strukturen jeweils zuvor existierender Einzelmedien in einem spezifisch neuen Medium fusionieren und den gro\u00dfen der Branche zun\u00e4chst einmal nicht weniger als h\u00f6here Profite versprechen. Als die dot.com Blase immer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-739","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=739"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/groscurth.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}